| HERBERGERS TAGEBUCH

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DIE AUFZEICHNUNGEN DES "CHEFS"


Nur die wenigsten wissen, dass Sepp Herberger nicht nur ein großartiger Fußballtrainer, sondern auch ein eifriger Schreiber war. Während der Recherchearbeiten zu unserem Roman
sind wir auf ca.100 Seiten persönlicher Aufzeichnungen Herbergers gestoßen, die peinlich genau den Ablauf der WM für Trainer und Mannschaft dokumentieren.
Dieses bislang unveröffentlichte Material enthält Aufzeichnungen von Gruppeneinteilungen, Spielstrategien für die bevorstehenden Spiele, aber auch persönliche Gedanken und Einschätzungen über jedes einzelne Mannschaftsmitglied.

 

Hier einige Auszüge:

Mai 1953

Gruppeneinteilung und Austragungsmodus:

Es war in Basel. An einem der ersten Tage im Mai 1953. Dort war ich mit Hans Huber verabredet, dem Vizepräsidenten des Deutschen Fußballbundes und dem Manne, dem ich für die Nationalmannschaft verantwortlich war. Wir kamen beide aus unterschiedlichen  Richtungen und zu unterschiedlichen Zeiten in Basel an; er aus München mit dem PKW und ich aus Mannheim mit der Eisenbahn. Anlass und Grund unserer Verabredung war der Wunsch und das Vorhaben, schon frühzeitig eine gute Unterkunft für unsere Weltmeisterschaftsmannschaft während der Spiele in der Schweiz ausfindig zu machen.

Auf dem Bahnsteig empfing mich Ernst Thommen, ein persönlicher Freund, seit vielen Jahren in führender Position im Schweizer- und im Weltfußball, dem von der FIFA, dem Welt-Fußball-Verband, die Planung, Ausrichtung und Durchführung der Fußballweltmeisterschaft in der Schweiz übertragen worden war.

[...] Das zur Rede stehende Thema: "Der Austragungsmodus der Endspiele um die Weltmeisterschaft in der Schweiz." Danach sollten von den 16 Ländern, die sich für die Teilnahme an den Endrunden qualifiziert haben, zunächst einmal 8 Länder ausgewählt werden, deren Mannschaften man als die spielstärksten betrachtet und einschätzt. Sie werden später zu je zweien in den zu bildenden 4 Vierergruppen "gesetzt". Die "Gesetzten" spielen in ihrer Vierergruppe nicht gegeneinander. Damit sollte vermieden werden, dass die vermeintlichen Favoriten des Turniers schon im Achtelfinale aufeinandertreffen und sich gegenseitig aus dem Rennen werfen. Eine an sich durchaus vertretbare und auch übliche Maßnahme, derer man sich bei großen Weltturnieren bediente und gerne auch bedient.

Die nach der Wahl der 8 "Gesetzten" noch verbleibenden 8 Länder werden durch das Los den 4 Vierergruppen zugestreut. So wie die "Gesetzten" spielen auch die "Gelosten" nicht gegeneinander. [...] Solange das gegenseitige Kräfteverhältnis der Endspielteilnehmer einigermaßen ausgeglichen und gleichwertig war, bestand gegen diese Art der getroffenen Regelung kein Einwand. In einem solchen wünschenswerten Falle liegt dann jene herrliche Ungewissheit über den Verlauf und den Ausgang unserer Spiele, die unsere Stadien füllt.

[...] Die Auswahl und Erfassung der Besten in einer Gruppe gleicher oder doch nahezu gleicher ist immer eine schwere und undankbare Rolle. [...] Wir waren am Ziel. Ich hatte gut zugehört, und das Zuhören hatte sich gelohnt. Kaum dass ich erwarten konnte bis er fertig war. Am Ende seines letzten Satzes stand auch schon meine Frage: "Und mit welcher Rolle, lieber Ernst, dürfen wir dabei rechnen?"
Meine Frage schien ihn überrascht zu haben. Mit einem Ruck blieb er stehen, fasste mich am Arm, um mich sich zuzudrehen und um mir zu sagen: "Na hör mal Seppl, ihr seid doch unter den "Gesetzten"!"
Nun, diese Antwort hat mir für das erste genügt und ich hatte für meine Person und für meine Aufgabe gegen die grundsätzliche Anerkennung dieser Durchführungsbestimmungen keinen Einwand vorzubringen.

 

November 1953

Entscheidung über die Gruppeneinteilung:

Und dann kam der 30. November 1953. Der Tag, an dem im Hause der FIFA in Zürich die Entscheidung über die Gruppeneinteilung der Endspielteilnehmer gefallen ist. In Erinnerung an den Schluss meines Gesprächs mit Ernst Thommen war die getroffene Entscheidung eine gewisse Enttäuschung. Wir waren nämlich nicht unter den 8 "Gesetzten". In einer Stichwahl um den 8. Platz der "zu Setzenden" waren wir gegen Spanien mit 5 gegen 4 Stimmen unterlegen.

Die Enttäuschung über unseren Durchfall bei der Abstimmung war aber nicht von langer Dauer. Genau genommen, sie hat mich nicht einmal überrascht. Nach dem Kriege, aus dem Weltfußballbund ausgeschlossen, waren wir nach 5 jährigem Ausschluss und nach langem HIN und HER gerade wieder Mitglied geworden. Die Zahl unserer wirklich guten und wahren Freunde in der Welt war ja zu keiner Zeit groß. Das Weltgeschehen der damals hinter uns liegenden 20 Jahre hatte uns dazu noch die letzten Reste guter Gesinnung vollends genommen.

 

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[Auszug aus "Sepp Herberger und das Wunder von Bern"]

Das letzte Spiel gegen die Saar, und damit die Entscheidung über die Teilnahme an der Weltmeisterschaft, fand am 28. März 1954 in Saarbrücken statt. Herberger feierte an diesem Tag seinen 54. Geburtstag, doch ihm war wahrlich nicht nach Feiern zumute. Außer Eckel, der von Anfang an dem Spiel Dynamik verlieh und schnell war wie ein Windhund, spielten seine Männer verhalten und verkrampft. Sie standen unter enormem Druck, das Spiel zu gewinnen, und konnten sich nicht davon frei machen. Alte Verletzungen einiger Spieler meldeten sich wieder.
Fritz hatte zehn Minuten vor Anpfiff erneut unter seinem Muskeleinriss zu leiden, den er schon seit einiger Zeit mit sich herumschleppte und der nie ganz auskuriert werden konnte. Es half nichts - er war gar nicht erst in der Lage anzutreten.
So war er wieder einmal gezwungen, sich das ganze Spektakel von der Tribüne aus anzusehen. Ein Trauerspiel, wie er fand. Denn vom letzten Spiel gegen Norwegen, in dem die Mannschaft so harmonisch und schön gespielt hatte wie lange nicht mehr zuvor, war nichts mehr zu sehen. Alle machten einen vollkommen verkrampften Eindruck.
Dass sie doch noch 3:1 siegten, verdankten sie mehr dem Umstand, dass sie der Saar einfach an Routine überlegen waren, als ihrem eigenen Können. Aber immerhin: Auch wenn sie sich gar nicht recht darüber freuen konnten, ihr Selbstbewusstsein nahezu auf Erbsengröße geschrumpft war und allesamt unter Komplexen litten - Herbergers Elf hatte die Fahrkarte zur WM in der Tasche.

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April 1954

WM-Strategie:

Unser Spiel gegen die Türkei:
Wir kennen die Taktik und die Spielweise der Türken. Sie spielen aus der Abwehr, verteidigen massiert und rücksichtslos (auch gegen sich selbst) und legen es bei ihrem Angriffsspiel auf Überrumpelung an. Gilt diese Taktik der Türken schon für jedes ihrer Länderspiele, dann erst recht für das Spiel gegen uns, wo sie nur einen Punkt benötigen, um im Wettbewerb zu bleiben.

Vorausgesetzt, dass alle vorgesehenen Spieler zum Zeitpunkt der Weltmeisterschaft uns in bester Leistungskraft zur Verfügung stehen, denke ich an folgendes Aufgebot:

 
Herkenrath?
 
                       Retter
  Laband?
Mai / Eckel
Posipal
         Metzner
Rahn / Herrmann                    Morlock
            O.Walter   
     Fr.Walter       Herrmann / Schäfer

So, oder doch in der Hauptsache so, denke ich mir auch die Aufstellung bei einem zweiten Türkenspiel.

Unser Spiel gegen Ungarn:
Wenn auch das Ungarnspiel - aus genannten Gründen - hinter dem zweiten Türkenspiel zurückstehen muss, so ist unser ganzes Sinnen und Trachten auf ein gutes und erfolgreiches Abschneiden gegen Ungarn eingestellt. Unser Wollen ist dabei gelenkt und getrieben von dem Wunsch, in diesem Spiel den dritten Punkt zu holen, der uns den Verbleib im Wettbewerb ohne ein Wiederholungsspiel bringen soll.

Das ist schwer, aber nicht unmöglich.

Gewiss, Ungarn ist eine Mannschaft von Weltklasse, und sie ist erster Favorit auf Weltmeisterschaft.
Aber es gibt ein Rezept gegen sie, das Aussicht auf Erfolg verspricht. Und dieses Rezept heißt: Lahmlegung des ungarischen Angriffsspiels durch scharfe Markierung und Bekämpfung der ungarischen Stürmer.

Das heißt für uns:

Spiel aus der Abwehr und Überrumpelung.

England hat gegen Ungarn verloren, weil es nicht verstand, die Kreise des ungarischen Angriffsspiels und dessen Akteure zu stören.
Wien hat gezeigt, wie Ungarn beizukommen ist.
Wir wissen es auch und ich könnte mir denken, dass sich Spieler und eine Aufstellung finden lässt, die nicht ohne Chance wären.
Von der ersten Garnitur sind Retter, Posipal, Rahn, Schäfer und evtl. auch Ottmar Walter konditionell stark genug auch gegen Ungarn eingesetzt werden zu können.

Ich könnte mir folgende Abwehrformationen denken:
1) wenn Liebrich als Verteidiger einschlagen sollte:

Liebrich
Kohlmeyer
        Mebus        Posipal
           Röhrig / Meinke

- - - - - - - - - - - -

2)                Retter
Kohlmeyer oder (Bauer-Kohlm.)
        Posipal         Liebrich
           Mebus

Posipal ist dabei als Organisator unserer Abwehr gedacht. Er kennt die Ungarn aus den Spielen in London und Wien. Als rechter Läufer hätte er außerdem den Spezialauftrag, Puskas auszuschalten.

Für den Angriff ständen zur Verfügung:

Klodt
Metzner Biesinger Pfaff Schäfer
Rahn
(Eckel)
Fr. Walter Röhrig  

Wenn Eckel aufgestellt werden sollte, ist die ihm zufallende Aufgabe die eines pendelnden Außenläufers/Halbstürmers, wobei mit ihm und unter der taktischen Führung von Fr. Walter (vorausgesetzt, dass Letzterer bis zum Zeitpunkt der Spiele in bester Kondition ist) der Schwerpunkt unserer Angriffe auf den rechten Flügel gelegt würde, weil mir auf dieser Seite die ungarische Deckung am ehesten verwundbar erscheint.
Die endgültige Aufstellung kann natürlich erst an Ort und Stelle erfolgen; sie ist ebenso abhängig von den Erfahrungen und Erkenntnissen der Spiele der nächsten Wochen und des WM-Lehrgangs, wie auch von der Kondition und Form unserer Spieler während der WM selbst.

 

Mai 1954

WM-Lehrgang in Grünwald bei München:

[...] Dieser Lehrgang würde für jeden Einzelnen ein Härtetest werden. Sie wussten alle längst darüber Bescheid und hatten sich auch darauf eingerichtet. Jetzt hieß es, über das bisher Erreichte Farbe zu bekennen. Unsere Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft war schon vor Jahren angelaufen und von Anfang an war ihr das Ziel gesetzt und die Aufgabe gestellt. Sie hieß für den einzelnen Spieler, am Tage des Beginns der Weltmeisterschaft topfit zu sein und für mich zum gleichen Zeitpunkt eine spiel- und kampfstarke Mannschaft auf den Beinen zu haben.

Wer vorgesorgt hatte und in guter körperlicher Verfassung war, der würde auch den Anforderungen des Lehrganges gewachsen sein. Wer nicht, dem blieb nichts anderes übrig, als das Versäumte nachzuholen. Schonung konnte es keine geben. Schließlich mussten wir schon in 3 Wochen gerüstet sein, um im knappen Zeitraum von 18 Tagen 5-6 Länderspiele durchstehen zu können.


[...] Für meine Arbeit, Schaffung einer spiel- und kampfstarken Mannschaft, waren die besten Voraussetzungen schon geschaffen. Jeder Einzelne unserer Stammmannschaft war in den zurückliegenden Jahren in Theorie und Praxis mit seinen speziellen Aufgaben im Rahmen der Mannschaft vertraut geworden und hatte darüber hinaus, sich auch mit den Aufgaben der Männer seiner Umgebung vertraut gemacht und bestens mit diesen eingespielt.

[...] Für das Gros der Spieler war der Dienstag als Reisetag angesetzt worden. Mit frohem "Hallo" wurde jeder neu Eintreffende begrüßt und wie das bei jungen und trainierten Sportlern einer Mannschaft so üblich ist, war mit ihrer Ankunft Jubel, Trubel und Heiterkeit auch eingekehrt. Schnell waren die Unterkünfte bezogen, jeder zusammen mit seinem alten Partner und bald war das ZIVIL mit dem TRAININGSDRESS vertauscht. Und was dann noch fehlte, war auch schnell aufgetrieben: Der Ball. Und schon waren auch Spielchen und Spiel arrangiert.


Wenn man jahrelang miteinander durch Dick und Dünn gegangen ist, weiß man um die inneren Zusammenhänge äußerer Verhaltensweisen und kann aus diesen meist zutreffende Rückschlüsse auf Stimmung, Form und Kondition seiner Schützlinge ziehen.

Nach der Art und Weise, wie sie jetzt ihre Spielchen und ihr Spiel aufzogen, sich gegenseitig neckten und austobten, sah man, dass durchweg gute Vorarbeit geleistet worden war. Aber nicht alle waren in bester Laune. Das wäre ja auch der erste Lehrgang gewesen, wenn von vorneherein alles nach Wunsch gelaufen wäre. So gab es auch diesmal wieder einige Männer, die Verletzungen mitgebracht hatten und sich vorerst einmal schonen und zurückhalten mussten.

Unsere Genesungskompanie wies eine stattliche Besetzung auf: Jupp Röhrig, Gunter Baumann und Herbert Schäfer hatte es dabei am stärksten erwischt. Jupp Posipal, Hans Schäfer, Horst Eckel und Karl Mai waren angeschlagen und mussten in den ersten Trainingstagen auf "Schonkost" gesetzt werden. Erich Deuser hatte wieder einmal mehr als alle Hände voll zu tun. Er erledigte dies alles in der von ihm gewohnten Art und der ihm eigenen Meisterschaft. [...] Immer war ein Tross von Spielern in Behandlung auf dem Wege zu ihm oder kamen von dort. Erich war für das Erste wieder einmal mehr die Nummer Eins in meiner Mannschaft [...].

 

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[Auszug aus "Sepp Herberger und das Wunder von Bern"]

Lehrgang auf Burg Schöneck in Grünwald bei München, Ende Mai 1954

Gestern war das erste Konditionstraining, mit der ganzen Gruppe trotz aller Verletzungen erstaunlich gut gelaufen, aber immer noch meilenweit von der Ausdauer entfernt, wie sie in weniger als drei Wochen benötigt würde.
In der Öffentlichkeit wurde über ihre Chancen noch nicht einmal nachgedacht. Ihre potentiellen Gegner freuten sich jetzt schon auf den sicheren Sieg über die deutschen Außenseiter. Und genau an diesem Punkt musste Herberger schmunzeln. Unterschätzt zu werden tat ihm nicht weh, im Gegenteil. Zwar sah er seine Mannschaft ganz realistisch, aber wenn er seine Spieler betrachtete, nahm er etwas wahr, was den anderen verborgen blieb: ihren Einsatzwillen, ihren Mut, ihr Vertrauen und ihr Talent.

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Juni 1954

Vor dem ersten Spiel gegen die Türkei:

Das Einleben in Spiez.
Am Abend unseres Anreisetages in Spiez hatten wir uns alle schon bestens etabliert. Das Urteil über die Wahl unserer Unterkunft war einhellig: Besser und schöner hätten wir es einfach nicht treffen können.
Die 3. Etage des Belvédères hatte ich für unsere Spieler reserviert. Schöne, geräumige und blitzsaubere Doppelzimmer standen mir für die Unterbringung zur Verfügung. Keine Wünsche blieben offen. Ihr ganz besonderer Reiz: Sie hatten ausnahmslos alle einen wunderschönen Ausblick, die meisten auf Bergwelt und See.

Bei der Zimmerbelegung habe ich mich schon oft von verschiedenen Gesichtspunkten leiten lassen und manche offenen und geheime Absichten dabei verfolgt. Man weiß heute längst, dass Fritz Walter mit Helmut Rahn - oder auch in umgekehrter Reihenfolge - das Zimmer miteinander teilten. Sie benötigten sich und ergänzten sich gegenseitig großartig. Was dem einen fehlte, hatte der andere im Übermaße. So war der Helmut ein wahrer Baum der Ermunterung, wenn der sensible Fritz einmal seine Anwandlungen bekam und umgekehrt wurde der Fritz zu einem Wundermann, wenn es galt, den Helmut in seinem Übermut zu bremsen.
In vielen Fällen waren auch Absichten im Spiele, die mit der Verwirkllichung taktischer Pläne in Verbindung standen.

Hier die Unterbringung in Spiez.
Sie ist die gleiche, wie schon in den Tagen des Kurzlehrgangs in Schönbeck gehabt:

Zimmer
301 == Eckel - Schäfer
303 == F.Walter - Rahn
304 == Posipal - Mai
305 == Morlock - Klodt
306 == O.Walter - Liebrich
307 == Pfaff - Bermann
308 == Bissinger - Metzner
309 == Kubsch - Kwiatkowski
310 == Bauer - Erhardt
311 == Turek - Mebus
312 == Laband - Kohlmeyer

Und da ich selbst, wie das Gros der Fussballer, nicht frei von Aberglauben bin, in der Zahl 13 eine Glückszahl sehe, habe ich - um das zu erwartende Gedränge um dieses Zimmer von vorneherein zu verhindern - das Zimmer 313 für mich reserviert.

Die Aufstellung.
Unsere Aufstellung für das Spiel mit der Türkei hatte folgendes Gesicht:

 
Turek
 
Laband
  Kohlmeyer
Eckel
Posipal
              Mai
Klodt
Morlock
          O. Walter
F. Walter Schäfer

Wie einfach sich doch ein Mannschaftsbild ansieht. Nichts verrät die oft vielen FÜR und WIDER, die da und dort gegeneinander abgewägt wurden bis die Entscheidungen dann getroffen werden konnten. So mancher wird in dieser Aufstellung Werner Liebrich vermisst haben, der doch gerade im letzten dem entscheidenden unserer Qualifikationsspiele in Saarbrücken eine alles und alle überragende Leistung vollbracht hat.
Aber da war Jupp Posipal, der in jenen Tagen in der Frage der ersten Besetzung des Mittelläuferpostens in unserer Mannschaft ein wohlverdientes Privileg hatte. Er galt damals allgemein und eigentlich unbestritten noch als der erste Mann auf dem Posten des Mittelläufers.

[...] Der Mittelstürmer der Türken wurde als ein Mann gepriesen, der rochierte und ständig in Bewegung war. Das war so recht der Mann ganz nach dem Geschmack von Jupp Posipal. Ihm lief keiner davon.

Für Jupp Posipal sprachen noch andere Empfehlungen. Eines seiner besten Spiele als Mittelläufer hatte er im Treffen gegen die Türkei in Istanbul 1951 gemacht. In jenen 90 Minuten des Spiels hat er seinen Gegenspieler, den Mittelstürmer der türkischen Mannschaft von der ersten bis zur letzten Minute völlig schach-matt gesetzt.
Wie groß Jupps Leistung in diesem Spiele war und in welchem Ausmaß sie sich auf seinen Gegenspieler ausgewirkt hat, möge die nachfolgende Geschichte deutlich machen:

In meinem Besitz ist das Programm dieses Spieles. Es hat im Innern die namentliche Aufstellung beider Mannschaften.
Beim abendlichen Bankett ließ ich dieses Programm bei den Spielern der türkischen Mannschaft zur Unterschrift rundgehen. Mit einer Ausnahme habe ich diese Unterschriften auch alle erhalten. Die des Mittelstürmers fehlte darauf. Das überragende Spiel von Jupp hatte ihn offensichtlich seelisch so mitgenommen, und zermürbt, dass er nicht zum Bankett kam. [...]

 

Nach dem Auftaktspiel und dem 4:1-Sieg gegen die Türkei:

Unser Sieg ging in Ordnung. Er war auch in der Höhe voll und ganz verdient. Wir hatten Grund, uns zu freuen.

Was zu loben war, fand auch seine Anerkennung.
Es gab aber auch Anlass und Grund zur Kritik. So die allgemein mangelnde Konzentration, das fehlende gegenseitige Verständnis untereinander und das schleppende Zusammenfinden zu einer geschlossenen Abwehrleistung zu Beginn des Spiels, die es auszurotten galt, wenn wir weiter mitsprechen wollten.

Noch am Abend hatte ich ein ernstes Gespräch mit Toni Turek. Es war nicht das erste dieser Art. Er gab von Zeit zu Zeit immer wieder Anlass und Grund dazu. So auch heute wieder. [...]

Toni Turek war einer der ganz Großen in der Reihe der besten Torwächter, die es je gegeben hat. Eine immer wieder verblüffende, blitzschnelle Reaktionsfähigkeit, verbunden mit einer Fangkunst, die auch die schärfsten Schüsse aus kurzer Distanz leicht und spielend meisterte.
Toni Turek wusste um diese einmaligen Fertigkeiten und Meisterschaft. Dass er stolz darauf war, konnte man gut verstehen. Als er daran ging, sie zu seinem verhätschelten und vertätschelten Lieblingskind zu erheben, wurden die von ihm gestalteten Vorgänge bedenklich und gefährlich.
Und wenn er sich dann offensichtlich dazu verstieg, auch die Zuschauer am Genuss seiner überlegenen Spielkunst teilhaben zu lassen, wurde es gefährlich. Für ihn und unsere Mannschaft.

So fing er den Ball mit einer Hand, wo er leichter, besser und sicherer mit beiden Händen zugegriffen hätte. Der Jubel und der Beifall von draussen über solche oft atemberaubende, glücklich beendete Situationen galten ihm offensichtlich mehr als ein Spiel auf Sicherheit. Die Lust zur Schau lag ihm im Blut. Die mahnende Kritik der Männer seiner Umgebung nahm er kaum zur Kenntnis oder schlug sie in den Wind. Wenn von ihm vielleicht auch nicht gewollt, wirkte sein Verhalten doch sehr provozierend auf den Gegner. Die Folgen darauf nahm er sichtlich gerne in Kauf. [...]

 

Spiel Ungarn-Deutschland in Basel

Am Sonntag Vormittag machten wir uns nach dem Frühstück frohgemut in unserem Bus auf den Weg nach Basel. Dort hatte Albert Sing in wenigen km Entfernung vom Stadion für uns Quartier gemacht.

Während die Mannschaft nach dem Mittagessen Bettruhe machte, ging ich zur Platzbesichtigung ins nahe Stadion.

Dort ging es schon beinahe wie auf einem Jahrmarkt zu. Tausende und Abertausende hatten sich dort schon eingefunden. Und der Zustrom NEUER wuchs zunehmend an. Um die Verkaufsstände herrschte lebhaftes Gedränge, in Gruppen wurde lebhaft diskutiert. Das deutsche Element überwog.

In ganz Deutschland hatte dieses Spiel mit Ungarn große Resonanz ausgelöst. selbst aus dem hohen Norden unseres Landes waren die Fußballfans angereist. Sie alle wollten Zeuge sein, wenn unsere Mannschaft gegen den hohen Favoriten dieses Weltturniers anzutreten hatte. Alle waren in der frohen Erwartung, von unserer Mannschaft ein großes Spiel zu sehen; viele tippten auf einen Sieg unserer Elf.

Wie es um diese Stimmung ganz allgemein bestellt war, bekam ich zu spüren, wenn ich erkannt wurde. Von allen Seiten und in allen Dialekten unserer Sprache drangen mir ermunternde Zurufe in die Ohren.
"Seppl, wir packen sie!"
Auch an ermunternden Klappsen und Schlägen auf den Rücken hat es dabei nicht gefehlt.

Ich kam mir vor, wie bei einem Spießrutenlaufen. Ach Gott, ging es mir durch den Sinn, wenn die alle von meiner Aufstellung wüssten. Dann hätte die Art der jetzt zum Ausdruck gebrachten Verbundenheit zu mir und unserer Mannschaft einen wesentlich anderen Charakter als jetzt erhalten. Ein Glück für mich, dass sie es noch nicht wussten.

[...] Das Spiel gegen Ungarn fing dann für uns gar nicht schlecht an.
Bei einem dieser Vorstöße setzte Rahn einen seiner flachen Bomben knapp neben den Torpfosten. Leider außerhalb des Tores. Groszitz hätte ihn nie gehalten.

Dann nahm das Unheil seinen Lauf. bei dem ersten hohen Ball greift Kwiatkowski nicht richtig zu, versucht zu fangen statt zu fausten und am Ende klatscht er Boszik den Ball vor die Füße und der fackelt nicht lange damit.
In der 3. Minute heißt es 1:0 für die Ungarn.

Dieser frühe Erfolg bringt Wasser auf die Mühle des ungarischen Angriffspiels. Unsere Abwehr ist schockiert. Bald wird da und dort nicht mehr so scharf markiert wie es notwendig gewesen wäre, um die Ungarn und ihr Angriffspiel im Schach zu halten. Nach knapp 20 Minuten führen die Ungarn mit 3:0. Puskas und Hidegkuti waren die Torschützen. Bald darauf verringert Alfred Pfaff, der alles in allem eine gute Partie spielte, auf 3:1. fast wäre ihm gleich darauf ein zweites Tor gelungen. Es blieb aber beim 3:1. Mit diesem Resultat ging es auch in die Pause.

[...] Es geht weiter im Torreigen. Die Ungarn kommen auf 6:1 und 7:1. dann verringert Helmut Rahn auf 7:2, prompt darauf heißt es 8:2. Dann verkürzt Herrmann noch einmal zum 8:3, dem Endstand dieses Spieles.

[...] In eigener Sache gab ich mich keinen Illusionen hin. In meinem Plan über die anzuwendende Strategie der Spiele im Achtelfinale war im Interesse eines Sieges im Achtelfinale, auch eine Niederlage gegen Ungarn einkalkuliert.
Ich war mir auch keineswegs im Unklaren darüber, wie das Fußballvolk, in Unkenntnis meiner abgesteckten Planung, wegen eben einer solchen Niederlage über mich herfallen wird. Auch die Vorstellung, was erst nach dieser blamablen Niederlage auf mich zukommen würde, ließ mich ziemlich kalt.

[...] Unsere alles entscheidende Trumpfkarte war erst am kommenden Mittwoch, dem Tag des zweiten Spieles mit der Türkei am Zuge. Mit ihrem Trumpf sollten auch der breiten Fußballöffentlichkeit unsere Karten offen auf den Tisch gelegt werden.

 

Nach dem Ungarn-Spiel und der 3:8-Niederlage:

Die Tragödie war zuende. In der Umkleidekabine allseits betroffenes Schweigen. Noch gellte uns allen das wilde Pfeifkonzert in den Ohren, mit dem wir von unseren enttäuschten Anhängern entlassen worden waren.  In welcher Stimmung wir waren, konnte jeder ermessen, der Zeuge dieser Schlappe gewesen war.
In solchen Situationen noch viel zu reden, wäre vollkommen falsch am Platze. Aber am Anfang dieser verständlichen Niedergeschlagenheit entgegenzuwirken und ein Ende zu setzen, musste hier und jetzt schon gemacht werden. Viele Worte wären dabei fehl am Platze gewesen. [...] Dann brachte jemand die Nachricht vom hohen 7:0 der Türken über Korea. Ein flüchtiger Blick in die Runde zeigte keinerlei Reaktion. Oder doch? Einige hatten hergeschaut, die nämlich, die für das entscheidende Spiel mit der Türkei vorgesehen waren. Auf jeden Fall hatte diese Meldung auf andere Gedanken gebracht, hatte daran erinnert, dass es schon in drei Tagen weitergeht.

 

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[Auszug aus "Sepp Herberger und das Wunder von Bern"]

Mittwoch, 23.6.1954 Entscheidungsspiel Deutschland - Türkei

Selten war die Atmosphäre vor dem Spiel so angespannt und aggressiv wie an diesem Tag. Wer hereingekommen war, musste das Gefühl haben, in einem Tigerkäfig gelandet zu sein.
Spielen würde fast ausnahmslos die Besetzung vom ersten Türkei-Spiel - bis auf den konditionsstarken Kohlmeyer, der sich im Ungarn-Spiel einen solch blauen Zeh geholt hatte, dass der Nagel teilweise entfernt werden musste. Für ihn würde der schnelle Bauer dabei sein. Mai hatte sich inzwischen von seinem Fieber erholt und konnte es gar nicht abwarten, endlich spielen zu dürfen.
Selbst als die türkische Mannschaft sie bat, auf die Auslosung der Trikotfarben zu verzichten, stockte Fritz Walter keine Sekunde und ließ sie gewähren. Für die Türken stand genauso viel auf dem Spiel wie für sie. Und natürlich sahen sie in dem fremden roten Trikot ein schlechtes Omen. Fritz Walter war das völlig gleich. Er hatte das sichere Gefühl, dass die Türken schon längst verloren hatten, ob mit oder ohne ihr Trikot. Siege begannen im Kopf, nicht in den Beinen. [...]

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Das zweite Spiel gegen die Türkei

Mit dem Anpfiff fiel unser Angriff wie eine Sturmflut über die türkische Abwehr her. Jeder wollte jeden an Siegeswillen und Angriffsgeist überbieten. Wie hatte Hans Schäfer gesagt: "Die putzen wir weg!" Nun, er war von Spielbeginn über die vollen 90 Minuten beispielhaft, mitreißend, der personifizierte "Wegputzer". Ob im Doppelpass mit Fritz Walter oder einem anderen seiner Nebenleute, ob in schnellen Läufen oder im harten Zweikampf mit dem Gegner, ihn trennte keiner vom Ball und kaum einmal gelang es, ihn in seinen Sturmläufen zu stoppen. Hans hatte einen seiner großen Tage.

[...] Als der Schiedsrichter das Spiel abpfiff, waren wir unter den letzten ACHT des Wettbewerbes. Unsere Strategie für die Spiele des Achtelfinales hatte sich als richtig erwiesen. Unsere Rechnung war aufgegangen.

 

Juli 1954

Einige Tage vor dem Finale

Die Tage vor dem Endspiel waren anders als die Tage zwischen den vorausgegangenen Spielen. Es war ruhiger geworden bei uns und unter uns. Das "die putzen wir weg!" lebte und rumorte in jedem Einzelnen unserer Männer, aber sie sagten es nicht und sie ließen nach außen hin erst recht nichts davon merken. Es war so, als ob ein jeder darüber wache, dass die sich angestauten Kräfte in ihrem Wachstum nicht gestört werden und für den Augenblick des Spielbeginns am Sonntag und für die Dauer dessen Ablaufs nicht schon vorher und unnötig angezapft werden.

Der Postzugang war in diesen Tagen schon zu Bergen angewachsen. Längst hatte das Postamt in Spiez Verstärkung erhalten. Das "Belvédère" war zu einem Ziel und Treffpunkt der Fußballer geworden.

[...] In der Freizeit versammelten wir uns zu gemütlichen Plauderstunden, regten und rängelten uns in den Liegestühlen im Garten des Hotels mit seinen unvergeßlich schönen Ausblicken auf See und Hochgebirge.
Jupp Posipal, Werner Liebrich und Max Morlock unterhielten sich und ihre Umgebung mit den neuesten Witzen, forderten mit faulen Kalauern den "hlg. Geist" heraus und vertrieben sich auf ihre Weise die Stunden. Dazwischen gab es Werner Liebrich zu bewundern, der sich gerne am Rande eines der kleinen Forellenbecken einfand und dort mit der Zeit äußerste Geschicklichkeit im Fangen mit der Hand entwickelt hatte.

 

Gedanken unmittelbar nach dem 3:2-Treffer von Helmut Rahn:

Was sich im Anschluss an diesem Torgewinn in unseren Reihen tat, lässt sich in Einzelheiten nicht wiedergeben.
Alles stürzte auf den Torschützen, den die Gewalt seines Schusses von den Beinen gerissen hatte. Aus dem Bild der Erinnerung haftet der Ansturm von Hans Schäfer auf den Torschützen, der sich mit einem gewaltigen Satz über ihn warf. Dann setzte sich die gesamte Mannschaft in Richtung des Torschützen in Bewegung.
Ich sehe noch, wie Karl Mai dem über Helmut Rahn versammelten Menschenknäuel auf den Rücken sprang. Es war eine tolle Szenerie. Man konnte ernsthaft Befürchtungen um den Fortbestand der Gesundheit unseres Torschützen haben.
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